In der Kurzgeschichte „Denk immer an heut nachmittag“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahre 1979 schildert der Erzähler eine Schlüsselszene im Leben zweier Personen. Nachdem die Mutter und Ehefrau offenbar kürzlich verstorben ist, ist der Vater mit seinem Sohn zum dreißig Minuten entfernten Internat aufgebrochen, um den Sohn dort einzuschulen. Während dieser Fahrt wird die emotionale Distanz und Belastung, die sich zwischen den beiden entwickelt hat, deutlich. Die Gegensätzlichkeit der beiden Hauptpersonen wird hierbei nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch durch das Erzählverhalten und durch diverse sprachliche Mittel verdeutlicht.
Bereits mit dem Anfang der Kurzgeschichte, dem ersten dem Leser übermittelten Eindruck, wird der Gestus des Vaters deutlich; er versucht, dem Sohn Erinnerungsvorschriften zu machen: „Eine halbe Stunde auf der Hinterplattform […] wieder was Schönes zum Drandenken“ (Z.2f.). Durch die Zeitangabe für die Dauer der Fahrt und damit auch der Kurzgeschichte wird ein nahezu zeitdeckendes Erzählen genutzt, das die Nähe zum Geschehen fördert und gleichzeitig das Einfühlen des Lesers und dessen Anteilnahme am Geschehen fordert. Das vom Vater als „schön“ gedeutete Erlebnis, erlebt der Sohn offenbar ganz anders. Im Folgenden vermittelt ein personaler Erzähler in Er-Form in deutlichem Kontrast zur wörtlichen Rede des Vaters den Eindruck einer trostlosen Umgebung, durch die die Bahn fährt. Hier zeichnen besonders die verwendeten Adjektive „dunkel“ und „feucht“ (vgl. Z.4) ein negatives Bild der Stadt Gratte, deren Name seinerseits lautlich nah am Wort „Ratte“ liegt und somit ebenfalls eine abstoßende Assoziation weckt. Es scheint sich um eine eher arme Gegend zu halten, aus der die handelnden Personen stammen. Es ist von „engen Schaufenstern“ (Z.7f.) die Rede, vor denen Frauen stehen und ihr Geld aus „klebrigen“ (Z.10), also für einen freigiebigen Einkauf ungeeigneten Portemonnaies zusammenklauben müssen. In dieser Umgebung versucht der Sohn sich an einer „Messingstange“ (Z.15) des Zugabteils festzuhalten, scheitert allerdings aufgrund der materiellen Beschaffenheit seiner Wollhandschuhe. Die niedrige Temperatur zusammen mit dem ständigen Abrutschen bieten ein Sinnbild für die emotionale Lage des Kindes: Die emotionale Kälte zwischen ihm und seinem Vater versucht er durch den Handschuh zu verhindern, dies verhindert wiederum die Bindung an sein Zuhause. Die Wahrnehmung von (emotionaler) Temperatur wird später in der Geschichte noch einmal aufgegriffen, als der Vater die Hand seines Sohnes ergreift und der Sohn Lust empfindet, den Handschuh auszuziehen, es aber aufgrund der problematischen Situation ,die durch die phrasenhaften Sätze, die der Vater an ihn richtet, verschärft wird, doch nicht schafft (vgl. Z. 87ff.). Eben diese Sätze, hinter denen der Vater offenbar seine emotionale Bewegtheit zu verbergen versucht, sind es ,die auf der anderen Seite eine gefühlsmäßige Zuwendung des Sohnes verhindern. Die so notwendige Kommunikation der Beiden in Anbetracht des einschneidenden und zugleich extrem belastenden Ereignisses – dem Tod der Mutter – scheitert bereits im Ansatz. Während der Vater sich wünscht, dass der Sohn tapfer sein soll und diesen Wunsch mit Klischees der Männerwelt zu untermauern versucht: Der vom Sohn als kahl wahrgenommene Wald wird vom Vater in Gedanken als Gebiet möglicher Freizeitgestaltung erschlossen; ein Junge, der den Zug auf einem Fahrrad verfolgt und dabei aufgrund seiner dicken körperlichen Erscheinung vom Sohn als abstoßend wahrgenommen wird, wird vom Vater aufgrund seines Ehrgeizes gelobt und als erster potenzieller neuer Freund für den Sohn stilisiert (vgl. Z.65f.); nicht zuletzt dient das Motiv der ballspielenden Kinder dem Vater als Beleg für das, was er sich von seinem Sohn wünscht, nämlich dass er „Spaß am Sport“ (Z.74) entwickeln soll und ihm „richtige Muskeln“ (Z.75) wachsen sollen, die seinem Leben als Mann dienlich sein sollen. Das Motiv der ballspielenden Kinder auf dem von einem hohen „Drahtzaun“ (Z.78) umgebenen Platz beinhaltet wiederum viele Aspekte der emotionalen Situation des Kindes: Das einengende, gefängnisartige Gefühl, das der Zaun vermittelt wird dadurch unterstützt, dass der Junge die Mannschaften als einheitlich schwarze „Horde“ (Z. 79) sieht, eine furchteinflößende Wahrnehmung. Allerdings sticht hier insbesondere der Ball als Symbol hervor, der durch die Innensicht des Erzählers auf den Jungen als kranker Vogel (vgl. Z.82) bezeichnet wird. In dieser Kennzeichnung liegt die Fatalität der Ereignisse für den Sohn verborgen. Ein Vogel wäre das einzige Lebewesen, dass sich hoch über dem Drahtzaun in die Freiheit schwingen könnte, er ist allerdings krank, was seine Chancen auf Freiheit unmöglich erscheinen lassen. Wenig später ruft der Sohn die Erinnerung an den Ball aber wieder in sein Gedächtnis und lässt ihn in Gedanken immer höher steigen – ein eindeutiger Hinweis auf den Wunsch nach Freiheit – bis er „sich nicht mehr vorstellen konnte, dass er wieder auf die Erde zurück müsste“ (Z.104ff.). Der durchaus nachvollziehbare Wunsch nach Flucht aus der aktuellen, aus seiner Sicht gefühlsmäßig stark belastenden Situation wird allerdings am Ende jäh durchbrochen, als der Ball „wie eine gegorene von Würmern geschwollene Pflaume“ auf das „Dunkelgrau“ des Bodens „zurückklatschte“ (Z. 120ff.). Der lautmalerische Einsatz der Worte unterstützt ebenso wie der angestellte Vergleich das negative Bild, das der Sohn von dem Internat hat. Allerdings ermöglicht dem Jungen das Zurückfallen des Balls zugleich auch einen Perspektivwechsel: Mit dem Ballspiel verbindet er die Welt seines Vaters, der sich durch Zäune eingegrenzt nur auf seinem Spielfeld bewegt und niemals in Freiheit gelangen wird, weil sich der Spielball seines Lebens immer nur auf dem begrenzten Feld bewegen wird. Eine Flucht ist für ihn nicht möglich. Letztlich also denkt das Kind nun daran, seinen Vater zu bedauern. Es bedauert ihn möglicherweise wegen der geschilderten Situation, möglicherweise erkennt es auch in diesem Moment erst, dass nicht nur es seine Mutter, sondern sein Vater auch seine Frau verloren hat. Es verlässt seine egozentrische Perspektive und lernt, sich in seinen Vater hinein zu versetzen. Und schließlich durchschaut das Kind in dieser Situation möglicherweise die scheiternden Versuche des Vaters, die aktuelle Lebenslage schön zu reden. Hieraus entsteht eine offenbar völlige Umdeutung der Vater-Sohn-Beziehung aus Sicht des Kindes.
Meines Erachtens wird in der Kurzgeschichte von Gabriele Wohmann nicht nur die missglückte Kommunikation zwischen den Hauptpersonen eindrucksvoll dargestellt, sondern auch der fatale emotionale Teufelskreis, in dem sie sich befinden. Am Ende der Kurzgeschichte beginnt das Kind, die Situation umzudeuten, so dass eine Chance aufgezeigt wird, die problematische Situation zu überwinden. Das Traurige dabei ist allerdings, dass die Überwindung für das Kind offenbar nur darin bestehen kann, den Vater seinerseits zu bedauern. Es verlässt damit zwar seine egozentrische Einstellung allerdings nur zugunsten einer Umdeutung der Emotionalität des Vaters, die nie zu einer Aussprache über das wahre Problem führen kann.
Sonntag, 27. April 2008
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4 Kommentare:
Coole Interpretation.
Kann man es nicht auch so Interpretieren, dass der Sohn traurig ist, weil er immer noch über den Tod der Mutter trauert?
(Habe eine schlechte Deutsch-Arbeit geschrieben und bräuchte eine professionelle Meinung.)
Ist es denn so falsch zu schreiben, dass er noch den Tod seiner Mutter bedauert?
Meine Lehrerin meint es geht nur um die Enttäuschung des Sohnes über den Vater.
Woher hätte ich den wissen sollen, dass damals alleinerziehende Väter unüblich waren?
Wieso versucht der Vater denn dann den Sohn aufzumuntern, wenn er die Entscheidung darüber hat, ob der Junge ins Internat geht, wenn er ihn so oder so dort hin schickt.
Danke im Voraus ^^
Sicher bedauert der Junge den Tod der Mutter - aber das ist viel zu kurzsichtig.
Schau dir den letzten Satz der Kurzgeschichte genau an: "Nun erst fiel ihm auf, dass es noch nie daran gedacht hatte, seinen Vater zu bedauern." - Da müsste es doch sprichwörtlich bei dir klingeln, wenn du die Kurzgeschichte genau gelesen hast...
Es geht - von der Position des Sohnes aus betrachtet (ich weiß ja nicht, worin die konkrete Aufgabenstellung bestand) - tatsächlich um die Enttäuschung des Sohnes über das Verhalten des Vaters, die nicht vorhandene Nähe zwischen beiden (siehe die Situation "An-die-Hand-Nehmen").
Der Vater versucht den Sohn mit seinen nicht angemessenen Mitteln, die auf seinen nicht angemessenen Umgang mit der Gesamtsituation fußen, aufzumuntern, damit dieser sein Leben weiter meistern kann. Dass der Vater in der Tat selbst dabei scheitert, weiterzuleben, merkt dieser nicht. Er versucht sich und seinen Sohn immer weiter abzulenken vom tatsächlichen Problem bzw. von der Verarbeitung der Trauer.
Dass das Kind am Ende das Bedauern des Vaters in Betracht zieht, zeigt, dass es weiter als eben dieser ist, zumindest suggeriert uns das die Kurzgeschichte.
Geholfen?!
Danke, dass du dir sie Mühe machst weiterbringen tut es mich zwar nicht, jedoch sehe ich nun ein einen Fehler gemacht zu haben. Es ist nur traurig, weil ich die Klausur leider verhauen habe.
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